© Köhlers Medizinalpflanzen · Public domain · Commons
Gefleckter Schierling
Giftig🐾Conium maculatum · (Conium maculatum)
Doldenblütler (Apiaceae)
Beschreibung
Ein rot gefleckter Stängel und ein intensiver, an Mäuseurin erinnernder Geruch beim Zerreiben der Blätter verraten den Gefleckten Schierling — ein auffälliger Doldenblütler feuchter, stickstoffreicher Standorte, der von Juni bis August blüht. Alle Pflanzenteile enthalten das Piperidin-Alkaloid Coniin, in unreifen Früchten am stärksten konzentriert. Historisch wurde Schierlingsextrakt äusserlich bei Gicht und innerlich als Krampflöser eingesetzt, in der Antike diente ein Aufguss aus den Früchten sogar als Hinrichtungsmittel; homöopathisch wird die Pflanze in stark verdünnter Form angewendet. Diese Anwendungen sind ausschliesslich historisch beziehungsweise ohne moderne Wirksamkeitsbelege dokumentiert. Der Gefleckte Schierling zählt zu den tödlichsten heimischen Wildpflanzen: Coniin lähmt die Muskulatur bis zum Atemstillstand, und die Art wird leicht mit Petersilie oder Kerbel verwechselt. Sammeln und Anwenden sind Laien dringend zu untersagen.
🌿 Verwechslungsgefahr — vor Wildsammlung lesen!
TÖDLICH GIFTIG — GESAMTE PFLANZE, BESONDERS UNREIFE FRÜCHTE UND WURZEL. VERWECHSLUNGSGEFAHR mit Petersilie, Wiesenkerbel, Anis, Gartenkerbel — Kennzeichen: rot gefleckter Stängel, kahles Laub, intensiver Mäuseharn-Geruch beim Zerreiben.
Nur äußerlich anwenden!
Diese Pflanze darf NICHT innerlich eingenommen werden. Nur Umschläge, Salben, Bäder.
In der Schwangerschaft KONTRAINDIZIERT
Coniin ist plazentagängig und ein nachgewiesenes Teratogen — Anwendung in der Schwangerschaft kann kongenitale Fehlbildungen (insbesondere Gaumenspalten und Gliedmassenfehlbildungen, dokumentiert in Tier- und Schweine-Modellen) verursachen sowie aufsteigende Lähmung beim Fötus. Jede Exposition in der Schwangerschaft ist absolut kontraindiziert.
In der Stillzeit KONTRAINDIZIERT
Coniin tritt in die Muttermilch über und kann beim Säugling neuromuskuläre Lähmungserscheinungen auslösen. Stillzeit: streng kontraindiziert.
Bei Kindern KONTRAINDIZIERT
Kinder reagieren extrem empfindlich auf Coniin. Bereits wenige Blätter können tödlich sein. Verwechslungsvergiftungen mit Petersilie oder Kerbel sind besonders gefährlich. Kein Einsatz bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.
Kritische Wechselwirkungen mit:
Nicht-depolarisierende neuromuskuläre Blocker (Rocuronium, Vecuronium, Cisatracurium) · Depolarisierende Muskelrelaxantien (Succinylcholin) · Atemdepressiva (Opioide, Benzodiazepine, Barbiturate, GABA-Agonisten)
Historische externe Anwendung von Schierlings-Salben und -Ölauszügen bei Gicht, schmerzhaften Geschwüren, Tumoren und entzündeten Lymphknoten. Bereits in mittelalterlichen Kräuterbüchern (15.–16. Jahrhundert) sowie bei Nicholas Culpeper (1650er) für äusserliche Schwellungen empfohlen; im 18. Jahrhundert durch den Wiener Arzt Anton von Störck als „auflösendes und veränderndes" Mittel propagiert. Officinal in Pharmakopöen 1864–1934. Heute wegen Toxizität (Hautresorption von Coniin) verlassen.
Anleitung & Dosierung
Volksmedizinische externe Anwendung als Umschlag bei Mastitis, malignen Tumoren (besonders Brust), Analfissuren und Hämorrhoiden. Im 18. und 19. Jahrhundert breit als Krebs-Mittel propagiert. Plants for a Future berichtet von „ointments and oils" zur Behandlung dieser Indikationen. Heute wegen unsicherer Wirksamkeit und systemischer Toxizität nicht mehr eingesetzt.
Anleitung & Dosierung
Antike und mittelalterliche Verwendung als Sedativum und Schlafmittel: Dioscorides (Materia Medica, 1. Jh.) und Plinius der Ältere (Naturalis Historia) beschreiben Schierling (gr. kōneion, lat. cicuta) als äusseres Schmerzmittel und in geringen Mengen als Beruhigungsmittel. In Pharmakopöen wurde Conii herba als Sedativum geführt — dosisabhängig hochgradig toxisch.
Anleitung & Dosierung
Nur historische Dokumentation — NICHT anwenden
Diese inneren Anwendungen sind historisch überliefert. Diese Pflanze ist hochgiftig — eine Selbstanwendung kann schwere Vergiftungen oder den Tod verursachen. Nur zur Dokumentation, ausdrücklich KEINE Handlungsempfehlung.
Historische pharmazeutische Verwendung von Schierlings-Extrakt (Extractum Conii) als Antispasmodikum bei Tetanus, Keuchhusten und epileptischen Krampfanfällen im 18. und 19. Jahrhundert. Coniin wirkt am nikotinergen Acetylcholinrezeptor — bei zu hoher Dosis aufsteigende Lähmung. Heute durch Benzodiazepine und moderne Antikonvulsiva ersetzt; pharmazeutische Anwendung obsolet.
Anleitung & Dosierung
Homöopathische Verwendung von Conium maculatum (D6–C30), typischerweise als Konstitutionsmittel bei drüsigen Verhärtungen, Schwindel bei älteren Menschen, Lähmungserscheinungen und prämenstruellen Beschwerden. Reine homöopathische Verdünnungsstufen (ab C12) enthalten keine pharmakologisch wirksamen Coniin-Mengen. Verbreitet in der klassischen Homöopathie.
Anleitung & Dosierung
Historisch-juridische Verwendung des Schierlingsbechers im klassischen Athen (5./4. Jh. v. Chr.) als Hinrichtungsmittel — bekannteste Anwendung: die Hinrichtung des Sokrates 399 v. Chr., dokumentiert in Platons Dialog Phaidon. Zubereitung aus zerstossenen, unreifen Früchten und Wurzeln in Wasser oder Wein. Platon beschreibt die aufsteigende Lähmung von den Füssen nach oben bei klarem Bewusstsein. Rein historisches Kulturphänomen — keine Anwendungsempfehlung.
Anleitung & Dosierung
⚠ Nur äußerlich anwenden
TÖDLICH GIFTIG — GESAMTE PFLANZE, BESONDERS UNREIFE FRÜCHTE UND WURZEL. Conium maculatum enthält 1,5–2 % des Piperidinalkaloids Coniin sowie γ-Coniceine, N-Methylconiin, Conhydrin und Pseudoconhydrin. Letale Erwachsenendosis: 0,5–1 g Coniin (entspricht 6–8 Schierlingsblättern). Höchste Konzentrationen in unreifen Früchten. Coniin wirkt am nikotinergen Acetylcholinrezeptor: initial Erregung, dann ausgedehnte neuromuskuläre Blockade mit aufsteigender Lähmung — von Füssen über Beine, Rumpf bis Atemmuskulatur — bei klar erhaltenem Bewusstsein. Tod durch Atemlähmung. Symptome (Beginn ≈ 30 min nach Aufnahme): Brennen in Mund und Rachen, Übelkeit, Sehstörungen, Sprech- und Schluckunfähigkeit, Muskelkrämpfe, Bradykardie, dann Lähmung. VERWECHSLUNGSGEFAHR mit Petersilie, Wiesenkerbel, Anis, Gartenkerbel — Kennzeichen: rot gefleckter Stängel, kahles Laub, intensiver Mäuseharn-Geruch beim Zerreiben. Coniin wird beim Trocknen nur langsam abgebaut. Auch Hautresorption möglich. Bei Vergiftungsverdacht SOFORT Notruf (112) und Giftnotruf. Keine Selbstmedikation. Keine Laienanwendung. ASPCA-Einstufung (abgerufen 2026-08-10): für Hunde und Katzen giftig.
⏱ Max. Daueranwendung: 1 Wochen
Coniin ist plazentagängig und ein nachgewiesenes Teratogen — Anwendung in der Schwangerschaft kann kongenitale Fehlbildungen (insbesondere Gaumenspalten und Gliedmassenfehlbildungen, dokumentiert in Tier- und Schweine-Modellen) verursachen sowie aufsteigende Lähmung beim Fötus. Jede Exposition in der Schwangerschaft ist absolut kontraindiziert.
Coniin tritt in die Muttermilch über und kann beim Säugling neuromuskuläre Lähmungserscheinungen auslösen. Stillzeit: streng kontraindiziert.
Kinder reagieren extrem empfindlich auf Coniin. Bereits wenige Blätter können tödlich sein. Verwechslungsvergiftungen mit Petersilie oder Kerbel sind besonders gefährlich. Kein Einsatz bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren.
Wechselwirkungen
Nicht-depolarisierende neuromuskuläre Blocker (Rocuronium, Vecuronium, Cisatracurium)
Coniin blockiert nikotinerge Acetylcholinrezeptoren an der motorischen Endplatte; additive neuromuskuläre Blockade mit verlängerter postoperativer Lähmung und Risiko für Atemstillstand.
Depolarisierende Muskelrelaxantien (Succinylcholin)
Coniin moduliert dieselben Nikotinrezeptoren; unvorhersehbare additive Wirkung, verlängerte Apnoe, malignes Hyperthermie-ähnliches Bild möglich.
Atemdepressiva (Opioide, Benzodiazepine, Barbiturate, GABA-Agonisten)
Additive Atemdepression durch Kombination von zentralnervöser Sedation mit nikotinerger Blockade der Atemmuskulatur — Risiko für letalen Atemstillstand.
Cholinesterase-Hemmer (Neostigmin, Pyridostigmin, Donepezil, Rivastigmin)
Erhöhter Acetylcholinspiegel kann initial Coniin-Effekte teilweise antagonisieren, jedoch durch Rezeptor-Desensitivierung paradoxerweise Lähmung verstärken; unvorhersehbare Pharmakodynamik.
Nikotin und nikotinerge Substanzen (Vareniclin, Nikotinkaugummi, Tabak)
Konkurrenz und Cross-Sensitivität am Nikotinrezeptor; unklare Modulation der toxischen Schwelle, insbesondere bei starken Rauchern oder Vareniclin-Therapie.
Kontraindikationen
- Myasthenia gravis und neuromuskuläre Erkrankungen — Coniin verstärkt die neuromuskuläre Blockade dramatisch
- Atemwegserkrankungen (COPD, schweres Asthma, Schlafapnoe) — Risiko für Atemdepression bei nikotinerger Blockade
- Bradykardie und AV-Block — Coniin verstärkt Bradyarrhythmien
- Leber- und Niereninsuffizienz — verzögerte Elimination der Alkaloide
- Geplante Operation mit Muskelrelaxation in den nächsten 4 Wochen — Wechselwirkung mit Anästhetika
- Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder und Jugendliche (siehe oben)
Erntet wird: ganze Pflanze
- Tageszeit:
- Vormittags zur frühen Fruchtbildung — höchster Alkaloidgehalt vor dem Fruchtreifen
- Trocknung:
- Bei 40–50 °C im Schatten trocknen; Coniin ist relativ volatil, aber nicht vollständig flüchtig — auch trockenes Material bleibt giftig. SCHUTZHANDSCHUHE PFLICHT — Coniin wird über die Haut resorbiert. Ernte ausschliesslich durch ausgebildete Botaniker oder Apotheker.
- Tageszeit:
- Tagsüber zur Zeit der unreifen, noch grünen Spaltfrüchte — Coniingehalt bis 3,5 % im unreifen Stadium
- Trocknung:
- Spaltfrüchte (Mericarpe) bei 30–40 °C schonend trocknen; höchste Toxizität — historischer „Schierlingsbecher" verwendete unreife Früchte. AUSSCHLIESSLICH für Forschungs- oder pharmazeutische Zwecke unter strenger Sicherheitsausrüstung.
- Coniine (2-Propylpiperidin)AlkaloidAnteil: 1.5-2 % (gesamtes Kraut), bis 3,5 % in unreifen Früchten
Hauptalkaloid des Gefleckten Schierlings; einfaches Piperidinalkaloid (kein Indol/Tropan); kompetitiver Antagonist und Desensitizer am nikotinergen Acetylcholinrezeptor (nAChR) der motorischen Endplatte und in vegetativen Ganglien. Bewirkt aufsteigende Lähmung bei erhaltenem Bewusstsein. Erstes Alkaloid mit gesicherter Strukturaufklärung (1881) und erstes synthetisiertes Alkaloid (1886).
- γ-Coniceine (gamma-Coniceine)AlkaloidAnteil: variabel, hoch in jungen Pflanzen
Biosynthetische Vorstufe aller Hemlock-Alkaloide; ungesättigtes Imin (dihydropyridin-artig); ≈ 7–8× toxischer als Coniin selbst; wird während der Fruchtreife enzymatisch zu Coniin reduziert. Klassisches Beispiel eines toxischeren Biosynthese-Intermediats.
- N-MethylconiineAlkaloidAnteil: < 0.5 %
Methylderivat des Coniins; entsteht durch N-Methylierung in der Pflanze; etwa 3× toxischer als Coniin; gleicher Wirkmechanismus am nikotinergen Acetylcholinrezeptor.
- ConhydrineAlkaloidAnteil: < 0.3 %
Hydroxyliertes Piperidinalkaloid; geringere Toxizität als Coniin; trägt zur Gesamttoxizität bei. Stereochemisch verwandt mit Pseudoconhydrin.
- PseudoconhydrineAlkaloidAnteil: < 0.3 %
Stereoisomer des Conhydrins; geringere pharmakologische Aktivität; in allen Pflanzenteilen nachweisbar; gemeinsam mit Coniin als chemotaxonomischer Marker der Gattung Conium verwendet.
- Ätherisches Öl (mausartig riechende Komponenten)Ätherisches ÖlAnteil: Spuren
Volatile Komponenten erzeugen den charakteristischen Mäuseharn-Geruch beim Zerreiben der Pflanze — wichtiges botanisches Erkennungsmerkmal zur Unterscheidung von Petersilie, Kerbel und Anis. Trägt nicht primär zur Toxizität bei.
- Flavonoide (Quercetin- und Kaempferol-Glykoside, Diosmin)FlavonoidAnteil: nicht quantifiziert
Antioxidative Begleitsubstanzen in Blättern und Stängeln; ohne primäre Rolle in der Toxikologie; nachgewiesen in mehreren phytochemischen Analysen.
- Cumarine (Bergapten, Xanthotoxin Spuren)SonstigeAnteil: Spuren
Furanocumarine in geringen Mengen; können theoretisch phototoxische Hautreaktionen verstärken; gegenüber Coniin-Toxizität von untergeordneter Bedeutung.
- [5]MonographieThe killer of Socrates: Coniine and Related Alkaloids in the Plant Kingdom(abgerufen: 2026-05-26)
- [6]MonographieDeath of Socrates: a likely case of poison hemlock (Conium maculatum) poisoning(abgerufen: 2026-05-26)
- [7]MonographieASPCA Animal Poison Control — Poison Hemlock (Conium maculatum)(abgerufen: 2026-08-10)
- [8]MonographieCliniTox Giftpflanzen — Conium maculatum L.: sehr stark giftig +++ (Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie, Universität Zürich)(abgerufen: 2026-08-10)
- [4]BuchPlants for a Future — Conium maculatum(abgerufen: 2026-05-26)
- [1]WikipediaConium maculatum — Wikipedia (EN)(abgerufen: 2026-05-26)
- [2]WikipediaGefleckter Schierling — Wikipedia (DE)(abgerufen: 2026-05-26)
- [3]WikidataConium maculatum — Wikidata Q156631(abgerufen: 2026-05-26)