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Schwarzes Bilsenkraut
Giftig🐾Hyoscyamus niger · (Hyoscyamus niger)
Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Beschreibung
Bereits in der Antike als starkes Rauschmittel gefürchtet, zählt das Schwarze Bilsenkraut zu den giftigsten heimischen Nachtschattengewächsen. Blätter und Samen enthalten Tropanalkaloide wie Hyoscyamin und Scopolamin, die einst – stark verdünnt – als präoperatives Beruhigungsmittel oder äußerlich bei rheumatischen Schmerzen eingesetzt wurden; auch geraucht sollen die Blätter historisch gegen Asthma geholfen haben. Archäologische Funde belegen zudem eine rituelle Nutzung der Samen im nordeuropäischen und römischen Raum, und in der mittelalterlichen Braukunst diente das Kraut vor Einführung des Hopfens als berauschender Bierzusatz. Alle diese Anwendungen sind heute obsolet: Hyoscyamus niger bleibt jedoch als Ausgangspflanze für die pharmazeutische Scopolamin-Gewinnung bedeutsam, etwa für Reisekrankheitspflaster. Die gesamte Pflanze ist hochgiftig – bereits kleine Mengen können Mundtrockenheit, Herzrasen, Halluzinationen, Krämpfe und Atemlähmung auslösen. Bei Verdacht auf Vergiftung ist sofort der Notruf zu verständigen; jeglicher Eigenanbau oder -konsum ist strikt zu unterlassen.
In der Schwangerschaft KONTRAINDIZIERT
Scopolamin und Hyoscyamin passieren die Plazentaschranke und können fetale Tachykardie sowie ZNS-Schäden verursachen. Jede Exposition in der Schwangerschaft ist streng kontraindiziert.
In der Stillzeit KONTRAINDIZIERT
Tropanalkaloide gehen in die Muttermilch über und können beim Säugling anticholinerge Effekte auslösen. Stillzeit: streng kontraindiziert.
Bei Kindern KONTRAINDIZIERT
Kinder reagieren extrem empfindlich auf Tropanalkaloide. Jede Exposition ist absolut kontraindiziert.
Kritische Wechselwirkungen mit:
Anticholinergika (Tiotropium, Ipratropium, Oxybutynin, Darifenacin)
Volksmedizinische externe Anwendung von Bilsenkraut-Ölauszügen bei Rheuma und neuralgischen Schmerzen. Samen wurden in Olivenöl gekocht und das Öl auf schmerzende Gelenke eingerieben. Diese Anwendung ist seit der Antike dokumentiert (Dioscorides, Plinius der Ältere) und galt lange als Analgetikum.
Anleitung & Dosierung
Nur historische Dokumentation — NICHT anwenden
Diese inneren Anwendungen sind historisch überliefert. Diese Pflanze ist hochgiftig — eine Selbstanwendung kann schwere Vergiftungen oder den Tod verursachen. Nur zur Dokumentation, ausdrücklich KEINE Handlungsempfehlung.
Volksmedizinische Inhalation von Bilsenkraut-Rauch bei Asthma bronchiale und Keuchhusten. Getrocknete Blätter wurden auf Kohle verbrannt und der Rauch inhaliert. Historisch in Europa und dem Orient verbreitet — anticholinerge Bronchodilatation als Wirkprinzip. Heute wegen Toxizität obsolet.
Anleitung & Dosierung
Historische pharmazeutische Verwendung von Hyoscyamin-/Scopolamin-Extrakten aus Bilsenkraut als präoperatives Sedativum und zur Reduzierung von Bronchialsekret vor Narkosen. Bilsenkraut-Tinktur war bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Pharmakopöen enthalten. Heute durch reine Isolate (Scopolamin-TTS, Atropin-Injektionslösung) ersetzt.
Anleitung & Dosierung
Homöopathische Verwendung von Hyoscyamus (D6–C30) bei Erregungs- und Krampfzuständen, Schlafstörungen und manisch-halluzinatorischen Symptombildern. Reine homöopathische Verdünnungen (ab C12) enthalten keine pharmakologisch wirksamen Alkaloidmengen. Verbreitet in der klassischen Homöopathie als Konstitutionsmittel.
Anleitung & Dosierung
Ethnobotanische und schamanische Verwendung: Bilsenkraut-Samen galten als bewusstseinsverändernde Substanz in nordeuropäischen und nahöstlichen Ritualen. Archäologische Funde aus dem römischen Niederlande (Houten-Castellum, 70–100 n. Chr.) belegen das absichtliche Sammeln von Samen — vermutlich für rituelle oder medizinische Zwecke. Auch in der mittelalterlichen Hexenküche (Flugsalbe) erwähnt.
Anleitung & Dosierung
Historische Verwendung von Bilsenkraut in der mittelalterlichen Braukunde: Vor der Einführung von Hopfen wurden Bilsenkraut-Blätter und -Samen als berauschende Bierzusätze verwendet (Grutbier). Die etymologische Verbindung zum Stadtnamen Pilsen (Plzeň) wird in der Wissenschaft diskutiert, gilt aber als nicht gesichert. Das Reinheitsgebot (1516) beendete diese Praxis in Deutschland.
Anleitung & Dosierung
Pharmazeutische Quelle für Scopolamin-Isolate: Hyoscyamus niger ist neben Duboisia spp. eine der kommerziellen Ausgangspflanzen für die Scopolamingewinnung (Reisekrankheitspflaster, Prämedikation). Hairy-Root-Kulturen und Bioreaktortechnologie ermöglichen heute standardisierte Alkaloidproduktion ohne Wildsammlung.
Anleitung & Dosierung
GIFTIG — GESAMTE PFLANZE. Hyoscyamus niger enthält toxische Tropanalkaloide (Hyoscyamin, Scopolamin, Atropin) in allen Pflanzenteilen. Der Gesamtalkaloidgehalt liegt in Blättern bei 0,06–0,17 %, in Samen bei 0,05–0,3 %. Bereits kleine Mengen können Vergiftungen auslösen: Mundtrockenheit, Tachykardie, Pupillenerweiterung, Hautrötung, Halluzinationen, Krämpfe, Atemlähmung, Koma. Letale Dosis für Scopolamin: ~50 mg. Intoxikationen können mehrere Tage andauern. Bei Vergiftungsverdacht SOFORT Notruf (112) und Giftnotruf. Keine Selbstmedikation. Keine Laienanwendung. Schutzhandschuhe bei jedem Pflanzenkontakt.
⏱ Max. Daueranwendung: 1 Wochen
Scopolamin und Hyoscyamin passieren die Plazentaschranke und können fetale Tachykardie sowie ZNS-Schäden verursachen. Jede Exposition in der Schwangerschaft ist streng kontraindiziert.
Tropanalkaloide gehen in die Muttermilch über und können beim Säugling anticholinerge Effekte auslösen. Stillzeit: streng kontraindiziert.
Kinder reagieren extrem empfindlich auf Tropanalkaloide. Jede Exposition ist absolut kontraindiziert.
Wechselwirkungen
Anticholinergika (Tiotropium, Ipratropium, Oxybutynin, Darifenacin)
Additive anticholinerge Wirkung: verstärkte Mundtrockenheit, Harnretention, Tachykardie, kognitive Beeinträchtigungen bis hin zum zentralen anticholinergen Syndrom.
Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Imipramin, Clomipramin)
Trizyklika besitzen inhärente anticholinerge Eigenschaften; Kombination mit Bilsenkraut-Alkaloiden potenziert anticholinerge Nebenwirkungen erheblich.
MAO-Hemmer (Phenelzin, Tranylcypromin, Moclobemid)
MAO-Hemmer können den Abbau von Tropanalkaloiden vermindern und deren Toxizität erhöhen; zentralnervöse Exzitation möglich.
Antihistaminika der 1. Generation (Diphenhydramin, Promethazin, Hydroxyzin)
H1-Antihistaminika der ersten Generation haben anticholinerge Eigenschaften; additive Effekte bei Kombination mit Bilsenkraut-Alkaloiden.
Kontraindikationen
- Engwinkelglaukom — Scopolamin und Hyoscyamin erhöhen den Augeninnendruck gefährlich
- Benigne Prostatahyperplasie mit Miktionsstörungen — anticholinerge Harnretention
- Tachyarrhythmien — Tropanalkaloide erhöhen die Herzfrequenz weiter
- Mechanischer Ileus und Megakolon — Darmparalyse durch Anticholinergika
- Myasthenia gravis — Antagonisierung der neuromuskulären Übertragung
- Schwangerschaft und Stillzeit (siehe Warnhinweis)
Erntet wird: Blätter und Samen
- Tageszeit:
- Morgenstunden nach Tautrocknung — höchster Alkaloidgehalt zur Blütezeit
- Trocknung:
- Rasch bei 40–50 °C im Schatten trocknen; langsames Trocknen fördert Racemisierung von Hyoscyamin zu Atropin. SCHUTZHANDSCHUHE PFLICHT.
- Lagerung:
- 12 Monate — Trocken, lichtgeschützt, verschlossen; getrennt von Lebensmitteln; Zugang für Kinder und Haustiere ausschliessen.
- Tageszeit:
- Tagsüber bei reifenden Samenkapseln — Kapseln kurz vor dem Öffnen ernten
- Trocknung:
- Kapseln bei 35–45 °C trocknen; Samen enthalten 0,05–0,3 % Gesamtalkaloide. Ausschliesslich für pharmazeutische Weiterverarbeitung — keine Laienanwendung.
- Lagerung:
- 24 Monate — Lichtgeschützt, trocken, in verschlossenen Behältern; Giftpflanzen-Lagervorschriften beachten.
- Hyoscyamine (l-Hyoscyamine)AlkaloidAnteil: 0.04-0.15 %Blatt
Hauptalkaloid des Schwarzen Bilsenkrauts; L-Enantiomer des Atropins; kompetitiver Antagonist an muscarinischen Acetylcholinrezeptoren (M1–M5); antispasmodisch, antisekretorisch, mydriastisch. Racemisiert bei Trocknung und Extraktion teilweise zu Atropin.
- Scopolamine (Hyoscine)AlkaloidAnteil: 0.01-0.1 %Blatt
Charakteristisches Alkaloid des Bilsenkrauts; Epoxid-Derivat des Tropans; stärker sedierend als Hyoscyamin; überwindet die Blut-Hirn-Schranke effizient; antiemetisch wirksam; medizinisch als Reisekrankheitspflaster (TTS) verwendet. Im Bilsenkraut anteilig höher als in Atropa belladonna.
- Atropine (dl-Hyoscyamine)AlkaloidAnteil: Spuren (Artefakt)Krautige Teile
Racemisches Gemisch; entsteht aus Hyoscyamin durch Racemisierung während Ernte, Trocknung und Extraktion. In der frischen Pflanze nur in Spuren vorhanden.
- CuscohygrineAlkaloidAnteil: < 0.1 %Wurzel
Nicht-Tropan-Pyrrolidinalkaloide; Biosynthesevorstufe der Tropanalkaloide; geringere pharmakologische Aktivität als Hyoscyamin oder Scopolamin.
- ApoatropineAlkaloidAnteil: < 0.05 %Krautige Teile
Dehydrierungsprodukt des Atropins; schwächere anticholinerge Aktivität; entsteht bei Erhitzung oder längerer Lagerung.
- Flavonoide (Rutin, Quercetin-Glykoside)FlavonoidAnteil: nicht quantifiziertBlatt
Antioxidative Begleitsubstanzen; keine primäre Rolle in der Toxikologie des Bilsenkrauts; nachgewiesen in Blatt- und Stängelextrakten.
- Cumarine (Scopolin, Scopoletin)SonstigeAnteil: nicht quantifiziertWurzel
Phenolische Cumarin-Verbindungen; in Wurzelextrakten nachgewiesen; schwach antikoagulativ; keine primäre Bedeutung für das Giftigkeitsprofil.
- Riboflavin (Vitamin B2)VitaminAnteil: < 0.01 %Wurzel
In Hyoscyamus niger-Wurzelkulturen als Nebenprodukt der Alkaloidbiosynthese nachgewiesen; mengenmäßig ohne praktische Bedeutung für Nährstoffversorgung.
- [6]MonographieEvidence of the intentional use of black henbane (Hyoscyamus niger) in the Roman Netherlands(abgerufen: 2026-05-24)
- [7]MonographieProduction of tropane alkaloids in Hyoscyamus niger (black henbane) hairy roots grown in bubble-column and spray bioreactors(abgerufen: 2026-05-24)
- [8]MonographieDiscrimination of Solanaceae Taxa and Quantification of Scopolamine and Hyoscyamine by ATR-FTIR Spectroscopy(abgerufen: 2026-05-24)
- [9]MonographieInorganic ions in the medium modify tropane alkaloids and riboflavin output in Hyoscyamus niger root cultures(abgerufen: 2026-05-24)
- [10]MonographieTropane alkaloids (hyoscyamine, scopolamine and atropine) from genus Datura: extractions, contents, syntheses and effects(abgerufen: 2026-05-24)
- [11]MonographieCliniTox Giftpflanzen — Hyoscyamus niger L.: sehr stark giftig +++ (Institut für Veterinärpharmakologie und -toxikologie, Universität Zürich)(abgerufen: 2026-08-10)
- [5]BuchPlants for a Future — Hyoscyamus niger(abgerufen: 2026-05-24)
- [1]WikipediaHyoscyamus niger — Wikipedia (EN)(abgerufen: 2026-05-24)
- [2]WikipediaSchwarzes Bilsenkraut — Wikipedia (DE)(abgerufen: 2026-05-24)
- [3]WikipediaScopolamine — Wikipedia (EN)(abgerufen: 2026-05-24)
- [4]WikidataHyoscyamus niger — Wikidata Q161058(abgerufen: 2026-05-24)