© Franz Eugen Köhler, Köhler's Medizinal-Pflanzen (1897) · Public domain · Commons
Isländisches Moos
Iceland moss · (Cetraria islandica)
Schüsselflechten (Parmeliaceae)
Beschreibung
Das Isländische Moos (Cetraria islandica), auch Isländische Flechte oder Islandmoos genannt, ist trotz seines Namens kein Moos, sondern eine Flechte - ein symbiotisches Doppelwesen aus einem Pilz und einer eingelagerten Grünalge. Es bildet einen 4 bis 12 cm hohen, aufrechten bis halbaufrechten, strauchartigen Lagerkörper (Thallus) aus rinnig-blattartigen, mehrfach gegabelten, derben Bändern, deren Ränder regelmäßig gezähnt und mit kurzen, wimperartigen Auswüchsen besetzt sind. Die Farbe reicht je nach Lichtgenuss von grün-braun über kastanienbraun bis dunkelbraun, die Unterseite ist heller und weißlich gefleckt. Die Art ist in den kühl-gemäßigten und arktisch-alpinen Gebieten der Nordhalbkugel verbreitet und wächst auf sandig-saurem Boden in Heiden, lichten Kiefernwäldern, Mooren und in der Tundra. Als Flechte reichert sie Stoffe aus der Umgebung an und ist ein empfindlicher Luftgüte-Anzeiger. Medizinisch genutzt wird der ganze getrocknete Lagerkörper (Lichen islandicus bzw. Cetrariae lichen). Charakteristisch ist die Kombination aus reichlich wasserlöslichen Schleimpolysacchariden (Lichenin und Isolichenin), die ihm seine reizlindernde Wirkung verleihen, und stark bitter schmeckenden Flechtensäuren.
Hauptanwendung (EMA-Monografie, 'traditional use'): Die wasserlöslichen Schleimpolysaccharide Lichenin und Isolichenin legen sich als schützender Film über die gereizte Schleimhaut von Mund und Rachen und lindern so Reizgefühl und damit verbundenen trockenen Reizhusten. Es handelt sich um eine traditionelle Anwendung, deren Plausibilität auf langjähriger Erfahrung beruht - nicht um eine durch klinische Studien gesicherte ('well-established') Wirkung.
Anleitung & Dosierung
Reizlindernde (demulcente) Anwendung: etwa 1-2 g fein geschnittenes Isländisches Moos mit 150 ml Wasser ansetzen, mehrmals täglich. Für die rein reizlindernde Schleimwirkung wird der Lagerkörper als KALTAUSZUG zubereitet (10-15 Minuten in kaltem Wasser ziehen lassen, dann kurz erwärmen) - so bleiben die löslichen Schleimstoffe erhalten und der bittere Geschmack wird gemildert. Bei Bedarf 3-mal täglich schluckweise warm trinken. Aus dem Schleimextrakt werden auch Pastillen und Lutschtabletten hergestellt, die langsam im Mund zergehen sollen, um die Mund- und Rachenschleimhaut zu überziehen.
- Trockenmenge
- 1–2 g
- Anwendungen/Tag
- 3×
⚠ Altersbeschränkung: ≥ 6 Jahre — Reizlindernde Anwendung laut EMA-Monografie für Erwachsene, Jugendliche und Kinder ab 6 Jahren. Für jüngere Kinder nur nach ärztlicher Rücksprache.
Zweite EMA-anerkannte traditionelle Anwendung: bei vorübergehendem Appetitmangel. Die bitteren Flechtensäuren (u. a. Cetrarsäure und Fumarprotocetrarsäure) wirken als Bittermittel (Amarum) und regen reflektorisch die Verdauungssäfte an. Auch dies ist eine 'traditional use'-Indikation, kein klinisch gesicherter Wirknachweis.
Anleitung & Dosierung
Appetitanregende (bittere) Anwendung: etwa 1-2 g Isländisches Moos mit 150 ml siedendem Wasser als HEISSER AUFGUSS übergießen, 10-15 Minuten ziehen lassen, abseihen. Anders als beim Kaltauszug werden hier die bitter schmeckenden Flechtensäuren bewusst herausgelöst. Eine Tasse des bitteren Aufgusses etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten trinken, bis zu 3-mal täglich. Der bittere Reiz regt die Speichel- und Magensaftbildung an.
- Trockenmenge
- 1–2 g
- Anwendungen/Tag
- 3×
⚠ Altersbeschränkung: ≥ 18 Jahre — Anwendung bei Appetitlosigkeit laut EMA-Monografie nur für Erwachsene (ab 18 Jahren), da die Studien- und Erfahrungsbasis für diese Indikation auf Erwachsene beschränkt ist.
Isländisches Moos ist in der üblichen Dosierung allgemein gut verträglich. Wegen des hohen Bitterstoffgehalts kann es bei empfindlichen Personen oder hoher Dosierung zu Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit oder Reizungen kommen. Da Flechten Schadstoffe aus ihrer Umgebung anreichern, kann ungeprüftes Wildsammelmaterial aus belasteten Gebieten Blei und andere Schwermetalle enthalten - nur Material aus sauberen Standorten oder geprüfter Arzneiqualität verwenden. Sehr hohe oder sehr lange dauernde Einnahme wird wegen vereinzelter Hinweise auf mögliche Leberbelastung nicht empfohlen; die Anwendung sollte zeitlich begrenzt bleiben. Bei länger als eine Woche anhaltenden oder sich verschlimmernden Beschwerden (z. B. anhaltender Husten, Atemnot, Fieber, eitriger Auswurf) ärztlichen Rat einholen.
Für die Anwendung in der Schwangerschaft liegen keine ausreichenden Daten vor; sie wird vorsorglich nicht empfohlen. Hinzu kommt das mögliche Risiko einer Schwermetallbelastung (insbesondere Blei) bei ungeprüftem Material. Vor der Anwendung ärztlich abklären.
Für die Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten vor; eine Anwendung wird vorsorglich nicht empfohlen. Im Zweifel ärztlich abklären.
Reizlindernde Anwendung laut EMA ab 6 Jahren; die appetitanregende (bittere) Anwendung ist Erwachsenen vorbehalten. Für Kinder unter 6 Jahren nur nach ärztlicher Rücksprache.
Wechselwirkungen
orale Arzneimittel allgemein
Die reichlich vorhandenen Schleimstoffe können die Aufnahme gleichzeitig eingenommener Arzneimittel verzögern oder verringern; zur Sicherheit einen zeitlichen Abstand von mindestens einer halben bis einer Stunde einhalten.
Kontraindikationen
- Aktives Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür (Ulcus): Die bittere, heiß aufgegossene Zubereitung regt die Magensaftbildung an und sollte hier nicht angewendet werden.
- Bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Isländischem Moos oder seinen Bestandteilen.
Erntet wird: Der ganze Lagerkörper (Thallus) der Flechte, gesammelt im Spätsommer und Herbst
- Tageszeit:
- An trockenen Tagen sammeln, wenn der Lagerkörper nicht von Tau oder Regen durchfeuchtet ist; nur an sauberen, schadstoffarmen Standorten.
- Trocknung:
- Den ganzen Lagerkörper langsam, luftig und im Schatten (möglichst im Dunkeln) trocknen, um Farbe und Inhaltsstoffe zu erhalten; vor der Verwendung von Erd- und Pflanzenresten befreien.
- Lagerung:
- 24 Monate — Trocken, kühl und dunkel in dicht schließenden Behältern aufbewahren; vor Feuchtigkeit schützen.
- Lichenin (Schleim-Polysaccharid)PolysaccharidAnteil: Teil von ~50 % SchleimstoffenGanze Pflanze
Leitsubstanz: ein wasserlösliches, lineares Glucan (beta-1,3/1,4-verknüpft), das gemeinsam mit Isolichenin den Hauptteil der reizlindernden Schleimstoffe bildet. Der Lagerkörper enthält insgesamt etwa 50 % wasserlösliche Schleimstoffe.
- Isolichenin (Schleim-Polysaccharid)PolysaccharidAnteil: Teil von ~50 % SchleimstoffenGanze Pflanze
Isoform des Lichenins (alpha-glucan-artig), ebenfalls wasserlöslich; trägt zur quellenden, reizlindernden (demulcenten) Schutzwirkung auf der Schleimhaut bei.
- Cetrarsäure (cetraric acid)BitterstoffGanze Pflanze
Bittere Flechtensäure (Depsidon), maßgeblich für den bitteren Geschmack; wirkt als Amarum (Bittermittel) appetitanregend und besitzt eine schwache antimikrobielle Komponente.
- Fumarprotocetrarsäure (fumarprotocetraric acid)BitterstoffGanze Pflanze
Wichtige bittere Flechtensäure des Isländischen Mooses; Hauptkomponente der bitteren Fraktion und mitverantwortlich für die appetitanregende Wirkung.
- Protolichesterinsäure (protolichesterinic acid)BitterstoffGanze Pflanze
Aliphatische Flechtensäure (ein Lactonsäure-Typ); bitter und mit nachgewiesener antibakterieller Aktivität (u. a. gegen Helicobacter pylori in In-vitro-Studien).
- Usninsäure (usnic acid)SonstigeGanze Pflanze
Charakteristische Flechtensäure mit antimikrobieller Wirkung; in Cetraria islandica meist nur in geringen Mengen vorhanden. Trägt zur konservierenden und schwach antibiotischen Eigenschaft bei.
- [1]MonographieEuropean Medicines Agency (HMPC) - Cetraria islandica (L.) Acharius s.l., thallus (Lichen islandicus / Iceland moss), herbal medicinal product, traditional use(abgerufen: 2026-06-12)
- [2]MonographieEuropean Medicines Agency (HMPC) - Iceland moss (Lichen islandicus): summary of the public assessment report for herbal substances(abgerufen: 2026-06-12)
- [3]WikipediaIsländisches Moos - Wikipedia (Deutsch)(abgerufen: 2026-06-12)
- [4]WikipediaCetraria islandica - Wikipedia (English)(abgerufen: 2026-06-12)
- [6]CommonsCetraria islandica - Köhler's Medizinal-Pflanzen (Plate 32), Wikimedia Commons (public domain)(abgerufen: 2026-06-12)
- [5]WikidataCetraria islandica (Q156424) - Wikidata(abgerufen: 2026-06-12)
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